#webseidank: Wie ich aufhörte, mich als Aufschiebe-Alien zu fühlen

Aliens im Internet

Im großen Prokrastinations-Spielfilm wird das Internet unfehlbar für die Rolle des Bösen gecastet: als schurkische Ablenkungsmaschine, Konzentrationsverhinderer, gefährliche Verführerin. Höchste Zeit, die Sache mal von der anderen Seite zu betrachten. Dazu angeregt haben mich Thomas F. Reis und Annette Schwindt, denn die beiden fragen: „Was hat das Web dir Gutes gebracht?“

Die ausführliche Antwort darauf lautet natürlich: eine ganze Menge. Inspirationen, Informationen, Geschäftskontakte, Bekanntschaften und Freundschaften, ja, und vor langer Zeit auch einmal eine Liebe. (Dass sie scheiterte, hatte vollkommen undigitale Gründe.) Aber vor allem hat mir das Internet das erleichternde Gefühl verschafft, nicht allein zu sein.

Eine ewige Prokrastinationsgeschichte

Mein Kampf gegen das Aufschieben fing so richtig an der Uni an. Ich brauchte ewig, um meine Hausarbeiten zu schreiben, und viele gab ich gar nicht ab. Stattdessen verkroch ich mich depressiv im Bett und verbrachte dort ganze Tage – ja, auch ohne Social-Media-Geklicke und Serienstreaming war es schon damals möglich, sich aus dem realen Leben komplett in die Totalverweigerung zu verabschieden.

Ich dachte, das ginge nur mir so. Zumindest kannte ich niemanden, der so drauf war wie ich. Entsprechend unfähig fühlte ich mich, und je länger sich das Studium hinzog, desto schlimmer wurde dieses Gefühl, nichts zu können, nichts zu leisten, nichts wert zu sein. Denn schließlich war die Sache doch klar: ein bisschen Zusammenreißen, Zähnezusammenbeißen und Disziplin, dann wäre alles in Ordnung. Dachte ich. Ich riss mich zusammen und bekam Rückenschmerzen. Ich biss die Zähne zusammen und knirschte sie mir nächtlich kaputt. In Ordnung war trotzdem nichts.

Kaputt, dachte ich. Ich bin irreparabel kaputt. Irreparabel, weil auch diverse Therapieversuche nichts änderten. Irgendwie brachte ich trotzdem mein Studium zu Ende, fand einen Job, arbeitete. Es ging irgendwie, aber obwohl ich nun in festeren Strukturen lebte und weniger prokrastinierte, schwand das Gefühl der Unfähigkeit nie ganz. Als ich mich selbstständig machte, kehrte die Prokrastination nach und nach wieder in mein Leben zurück und eroberte sich gefräßig immer mehr davon.

Der richtige Rat: nur einen Mausklick entfernt

Aber mit meiner Selbstständigkeit fing auch das Internet an, eine immer größere Rolle in meinem Leben zu spielen. Ja, ich hatte dort auch vorher schon Blogs gelesen, recherchiert, Urlaubsflüge gebucht und manchmal viel zu viel Zeit mit bunten Filmchen verbracht, aber jetzt fand ich im Internet etwas, das ich als Selbstständige nicht mehr hatte: Kolleginnen und Kollegen. Zuerst war ich in Xing-Gruppen aktiv, und nach einer Weile entdeckte ich den Texttreff, ein Netzwerk von Textfrauen.

In diesen virtuellen Kreisen fand ich Rat und Hilfe: ob es darum ging, wie ich meine Leistungen kalkulieren soll oder welche PC-Programme mir die Arbeit erleichtern, irgendjemand hatte immer gute Tipps. Ich lernte enorm viel und tue das immer noch tagtäglich. Aber es wurde und wird nicht nur über Berufliches diskutiert, sondern in diesen Gruppen und Netzwerken geht es immer auch darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Und das heißt: sich Mut zuzusprechen, wenn es nötig ist, und sich gegenseitig in den Hintern zu treten, wenn das dran ist. Natürlich auf die nette Art.

Und Tritte in den Hintern sind bei allen immer mal wieder nötig, das lernte ich schnell. Zum ersten Mal ging mir auf, dass ich nicht die Einzige bin, die immer wieder Aufgaben aufschiebt, bis hin zu völligen Blockaden. Ich merkte, es gibt noch andere, die unter Prokrastination leiden, und fing an, darüber zu lesen und mich mit anderen auszutauschen. Natürlich stoße ich bei meinen Suchen immer noch erst mal auf die Artikel, Bücher, Videos, die versprechen, das mit dem Aufschieben ließe sich ganz einfach mit den folgenden fünf Tipps ausschalten – für immer. Und im Grunde ginge es ja nur darum, sich etwas zusammenzureißen, die Zähne zusammenzubeißen und Disziplin zu entwickeln.

Aber inzwischen weiß ich es besser – #webseidank. Denn nun kenne ich auch andere, die trotz aller Versuche mit diversen To-do-Listen, Techniken und Therapien immer wieder in die Aufschiebespirale geraten. Dass auch sie darunter leiden. Und langsam schwindet mein Gefühl, ein einsamer Alien unter lauter disziplinierten und selbstbewussten Erdlingen zu sein. Es gibt noch andere von meiner Sorte. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie entlastend dieses Wissen ist! Ohne das Internet wäre ich möglicherweise niemals an diesen Punkt gekommen. Und dafür bin ich dem Web und all seinen Bewohner_innen sehr, sehr dankbar.

Danke, Internet

Übrigens habe ich im Internet auch Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich Hilfe zur Prokrastinations-Selbsthilfe betreiben kann: Mit ihnen kann ich Deadline-Verabredungen treffen und mich zu bösen Strafen verpflichten, wenn ich sie nicht einhalte. Ich kann mich über die Tages-To-dos austauschen und bekomme Lob, wenn ich meine Pläne einhalte (und manchmal einen notwendigen Tritt …). Ich profitiere von ihren Erfahrungen mit Tricks und Techniken, und sie hoffentlich von meinen. Diese virtuelle Prokrastinations-Selbsthilfegruppe bringt mir enorm viel.

Das ist für mich das Beste am Internet: dass jeder dort andere Bewohner des eigenen Planeten finden kann.

Und trotzdem bin ich froh, dass ich das Internet manchmal auch einfach ausschalten kann. Die Überzeugung, dass ich kein Alien bin (oder zumindest nur einer unter vielen), bleibt ja zum Glück eingeschaltet.

Advertisements

Ein Gedanke zu “#webseidank: Wie ich aufhörte, mich als Aufschiebe-Alien zu fühlen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s