Nicht prokrastinieren bringt’s auch nicht

To-do-Liste zum Papierflieger machen

In den letzten Wochen war ich so fleißig wie schon lange nicht mehr. Ich bin ein bisschen stolz auf mich – und zunehmend frustriert. Denn je mehr ich arbeite, desto mehr habe ich das Gefühl: Es reicht nicht. Obwohl ich bis in die Nacht am Rechner sitze (und am nächsten Morgen müde bin). Obwohl ich mich mit Listen umgebe, Prioritäten setze und derzeit geradezu erschreckend organisiert bin, schaffe ich nicht das, was ich meine, schaffen zu müssen.  

Weil ich gerade nebenher immer notiere, wie konzentriert ich bin und wie ich mich fühle (das ist nämlich für den August mein Monatsprojekt), kann ich außerdem ziemlich genau feststellen: Die Momente, in denen ich frustriert davon bin, dass ich mit meinen Arbeitsleistungen hinter meiner Erwartung zurückbleibe, das sind die, in denen ich anfange, herumzudaddeln. Dann habe ich nämlich keine Lust mehr. Dann denkt sich ein (gar nicht so dummer) Teil von mir: „Was soll’s? Sich krumm zu machen ist auch nicht der Weg zum Glück.“

In dieser Situation ist mir ein Video eingefallen, auf das ich vor einiger Zeit gestoßen bin. Der Hirnforscher Gerald Hüther erklärt in dem Vortrag „Gelassenheit hilft“ den Nachteil jeder zielgerichteten, effizienten und effektiven Vorgehensweise. Die führt nämlich dazu, dass wir das Hirn ausschalten. (In dem Video erzählt er das in den ersten 11 Minuten. Der Rest ist auch interessant, aber hier nicht direkt relevant.) Kreativität, Problemlösungskompetenz? Fehlanzeige. „Man sieht nicht mehr das, was ist, sondern nur noch das, was man sehen möchte“, so Hüther. Man wird zur Erledigungsmaschine.

Genau so, wie eine Erledigungsmaschine, fühle ich mich gerade. Und ich merke, dass ich dagegen rebelliere. Womöglich ist das eins der Motive meines persönlichen Aufschiebeproblems: dass ich gar nicht funktionieren will, weil ich das Gefühl habe, dadurch ein großes Stück Selbstbestimmung aufzugeben und nur noch Aufgaben zu erledigen, die mir von außen aufgeladen werden. Zumal die sich ja üblicherweise vermehren wie die Kaninchen (oder wie Motten, um mal ein Bild zu nehmen, das mir im Moment lebensnäher erscheint – ich krieg euch, ihr blöden Viecher!).

Dabei habe ich letztes Jahr beschlossen, dass in meinem Leben mehr Wollen und weniger Müssen stattfinden soll. (Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich lernen muss, das Müssen zu wollen.) An meiner Pinnwand hängt ein Blatt Papier, auf dem ich die Sachen aufgemalt habe, von denen ich mehr will: mehr draußen sein, mehr spielen (in welcher Form auch immer), mehr Gutes Kochen, mehr Freunde treffen. Da steht noch einiges andere, aber nichts von To-do-Listen abarbeiten.

Auf diesen Zettel gucke ich jetzt wieder häufiger, um vor lauter Effizienz-Scheuklappen nicht mich selbst aus dem Blick zu verlieren. Und das wirkt: Gestern Abend habe ich dann einfach mal blaugemacht: Wetter genießen, barfuß am Strand laufen, Sonnenuntergang angucken. Auch dass ich diesen Blogartikel hier schreibe, ist im Grunde ein kleiner Akt der Rebellion, denn natürlich wären eine Menge anderer Dinge gerade im Moment viel wichtiger gewesen. So what? Das Schreiben macht mir gerade Spaß, es beflügelt mich, und noch während ich hier tippe, kommen mir schon wieder Ideen für hundert andere Blogartikel. Von denen ich einige bestimmt auch schreiben werde, obwohl sie nicht Priorität haben. Und jetzt geh ich erst mal gucken, was das Internet so treibt.

Nimm das, To-do-Liste!

Diesen Blogartikel reiche ich zur Blogparade „Leben im Einklang mit sich selbst“ des Blogs Kreativ gedacht ein.

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4 Gedanken zu “Nicht prokrastinieren bringt’s auch nicht

  1. Oh ja. Das ist mir alles sehr bekannt. In diversen Zeitmanagment Ratgebern heißt es auch, dass man nicht den ganzen Tag sondern nur x % verplanen soll. Ich habe es so mittlerweile geschafft mir prokrastinieren, zocken und Freizeit allgemein zu erlauben. Ich hoffe du findest da auch noch deinen Weg.

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  2. Liebe Sabine,

    ich habe den Link in der Blogparade entdeckt und wie gut kann ich deinen Artikel nachvollziehen.

    Ich für mich habe festgestellt, dass es meist einen Grund hat, wenn ich mich vor einem Thema drücke und das es verdammt oft um eigentlich um meinen Anspruch geht.

    Wenn ich dann loslasse und überlege, ob sich die Welt weiterdreht, wenn ich das heute nicht mache, dass dann eine Entspannung eintritt und am nächsten Tag die Aufgabe wie von selbst von der Hand geht. Ich würde es Intuition nenne oder in den Worten von einem Bekannten „es war noch nicht dran!“.

    Lieben Dank für deinen Artikel.

    Melanie Bornschein

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