Angst fressen nicht mehr Seele auf

Angst im Magen

Deadlines helfen. Definitiv. Das heißt allerdings nicht, dass es sich unbedingt gut anfühlt, sie unerbittlich näherrücken zu sehen. Bei mir zumindest nicht. Es soll ja auch Prokrastinierer geben, die das Aufschieben als eine Art billiger Alternative zum Bungee-Jumping einsetzen: Sie leben für den Adrenalinkick, den ihnen der Wettlauf gegen die Uhr verleiht. Beneidenswert. (Glaube ich.) So bin ich nicht gestrickt.

Bei mir schiebt das Prokrastinieren irgendwann die Maske locker-leichter Freiheit beiseite („Jetzt gerade bin ich einfach nicht in der richtigen Stimmung dafür – aber das kommt schon noch!“) und entpuppt sich als veritable Blockade. Ich habe dann das Gefühl, unter Druck zu stehen wie eine geschüttelte Sprudelflasche, bei der der Deckel festgeklebt ist. Der Text, den ich schreiben soll, kann einfach nicht raus. Und mit jedem Tag, um den die Frist bis zum Abgabetermin kürzer wird, steigt der Druck weiter.

In meinem Magen ballt sich ein Angstknoten zusammen. Er drückt mir die Säure in den Hals, und der viele Kaffee, den ich in der verzweifelten Hoffnung auf bessere Konzentrationsfähigkeit trinke, macht die Sache nur schlimmer.

Die Angst ist eine alte Bekannte. Ursprünglich war sie mal Angst vor dem Versagen: Ich hatte behauptet, schreiben zu können, und Buchverträge abgeschlossen. Jetzt saß ich da und dachte nur: Hilfe! Ich kann das doch gar nicht! Klar, Versagensängste gehören natürlich zu den wichtigsten Ursachen des Aufschiebens, und ich schob auf. Aber irgendwann schrieb ich die Bücher doch, und ich stellte fest: Es ging. Seitdem habe ich viel geschrieben, viel positives Feedback bekommen, und irgendwann war auch mir Pessimistin klar: Die Angst, fürs Schreiben total untalentiert zu sein, hat keinerlei reale Grundlage.

Obwohl ich das weiß, kommt sie immer wieder. Wenn ich merke, dass es wieder so weit ist, wende ich eine Methode an, die ich gelernt habe, als ich mit Hängen und Würgen (ja, Letzteres ist durchaus wörtlich zu verstehen) auf meinen allerersten Buch-Abgabetermin hingearbeitet habe.

  • Ich schließe die Augen.
  • Ich spüre der Angst nach. Wo in meinem Körper sitzt sie genau? Wie fühlt sie sich an?
  • Ich betrachte sie ein paar Atemzüge lang.
  • Dann öffne ich die Augen wieder.

Das ist alles, aber es ist (bei mir) enorm wirkungsvoll. Nein, es zaubert das unangenehme Gefühl nicht fort. Aber sobald es mir gelingt, die Angst in mir zu verorten, spüre ich auf einmal: Sie ist in mir, aber sie ist nicht identisch mit mir. Ich habe Angst, aber ich bin nicht Angst. Das Gefühl dominiert mich nicht vollständig. Neben der Angst hat auch noch anderes Platz: andere Gefühle, andere Gedanken – ja, sogar die Fähigkeit zu schreiben. Und damit versuche ich es dann wieder. Nur auf Kaffee verzichte ich erst mal lieber.

Diese Methode funktioniert auch mit anderen unangenehmen Gefühlen: spüren – im Körper verorten – von außen betrachten. Sie werden dadurch kleiner. Und dann kann man sie, wie es Tim von MyMonk gerade formuliert hat, auch wieder ziehen lassen, wie einen alten Freund, der mal kurz vorbeigeschaut hat.

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6 Gedanken zu “Angst fressen nicht mehr Seele auf

  1. Die Idee gefällt mir. Ich laufe immer wieder in ähnliche Fallen und winde mich dann in den Netzen, in die ich mich selbst verstrickt habe. Deinen Tipp werde ich ausprobieren.

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    1. Das mit den Fallen, die immer dieselben sind, kenne ich auch. Vielleicht hilft es ja, ein paar Strategien zu entwickeln, wie man wieder rauskommt, statt sich dafür zu geißeln, dass man wieder dort gelandet ist, wo man eigentlich nicht hinwollte.

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  2. Hallo.

    Wenn ich ergänzen darf: Bei mir funktioniert das dann, wenn ich es schaffe, die Angst (oder welches Gefühl oder welche Körperempfindung da ist) mit neugierigen, interessierten Augen anzuschauen. Ohne den Wunsch oder die Erwartung, dass dieses Gefühl weggeht.
    Dann gelingt oft sogar ein Dialog mit dem Gefühl, und oft, nicht immer, verändert es sich dann.

    Viele Grüße
    Franz

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